Das Leben Heinrichs von Kleist PDF

Auf Sidonie Adlersburgs Schicksal wurde Hackl das Leben Heinrichs von Kleist PDF durch Franz Draber aufmerksam gemacht. In der Folge kam es zu intensivem Kontakt mit der Familie Breirather, bei der das Mädchen in Pflege gewesen war. Die Erzählung Abschied von Sidonie entstand erst nach diesen Texten. Sie weicht in Teilen davon ab, weil Hackl 1988 Joschi Adlersburg, einen leiblichen Bruder Sidonies und Augenzeugen ihres Todes, kennenlernte und von ihm weitere Informationen über deren letzte Tage erhielt.


Författare: Otto Brahm.

Dem Theaterleiter Otto Brahm (1856 – 1912), deutsch-jüdischer Kritiker, Regisseur, Schöpfer des psychologisierenden Kammerspiels und Chefredakteur der Zeitschrift "Freie Bühne für modernes Leben", enthüllte sich Kleists Schicksal "der neuen Erkenntnis, die den unendlichen Streit aufdeckte zwischen dem Genie und dem Bann seines Milieus. Diesen Kampf darzustellen, hab ich nun abermals versucht." (Aus dem Vorwort zur fünften Auflage.)
Nachdruck der fünften Auflage aus dem Jahr 1911.

Die Erzählung, die unter anderem in der literarischen Tradition der Novellen Heinrichs von Kleist steht, verbindet Originaltexte aus Dokumenten mit fiktionalen, aber immer auf Zeugenberichten gestützten Dialogen. Eines Kommentars enthält sich der Autor fast immer. Ich heiße Sidonie Adlersburg und bin geboren auf der Straße nach Altheim. Das stark rachitische Mädchen wird im Krankenhaus versorgt, während die Behörden nach der Mutter suchen. Danach wird das Baby Josefa Breirather angeboten, die in einem großen Mietshaus in Letten wohnt. Frau Breirather, Mutter eines leiblichen Sohnes namens Manfred, die gern noch mehr Kinder bekommen hätte, entscheidet sich sofort für Sidonie. Die Situation hat sich allerdings schon im März 1938 verschärft, als die deutsche Wehrmacht in Österreich einmarschiert ist.

Seitdem wird auch hier das menschenverachtende NS-Regime mit aller Härte durchgesetzt. Denunziantentum ist an der Tagesordnung und politisches Agieren im Untergrund lebensgefährlich. Sidonie und Hilde werden 1939 eingeschult. Sidonie ist eine schwache Schülerin, fühlt sich aber in der Schule sehr wohl. Mit ihrer Unverdrossenheit und ihrem fröhlichen Wesen ist sie anfangs noch gut integriert und zeigt der Lehrerin, wie sehr sie sie mag.

Gegen despektierliche Äußerungen wegen ihrer dunklen Hautfarbe wehrt sie sich oft mit der Behauptung, sie sei nur von der Sonne verbrannt. Als Pflegekind wird sie regelmäßig von der Fürsorgerin Cäcilia Grimm besucht, die in ihren Berichten regelmäßig bestätigt, dass das Kind bei guter Gesundheit ist, normal gedeiht und von der Familie Breirather hervorragend betreut wird. Im Spätherbst 1942 taucht ein Gendarm in der Wohnung der Breirathers auf, der nachfragt, ob sie ein amtliches Schreiben aus Linz oder Steyr erhalten haben. Josefa Breirather verneint dies wahrheitsgemäß, ist aber seit diesem Besuch alarmiert und bittet ihren Mann, seine Tätigkeit im Widerstand gegen die Nationalsozialisten wenigstens vorerst einzustellen. Beim nächsten Besuch der Fürsorgerin reagiert sie panisch.

Hans und Josefa Breirather kämpfen um das Kind, das wie ihr eigenes geworden ist, demütigen sich vor der Fürsorgerin und dem Bürgermeister, wollen auf das Pflegegeld verzichten, bieten gar an, Sidonie sterilisieren zu lassen, und versuchen, ein Versteck für Sidonie zu organisieren. Fräulein Grimm, die nach dem letzten Besuch bei den Breirathers ein angefordertes Gutachten über Sidonie geschrieben und dabei die Kritikpunkte, die dabei zur Sprache kamen, getreulich aufgeführt hat, wie auch der Bürgermeister stellen sich auf den Standpunkt des Gehorsams und der Pflichterfüllung, nicht ohne dabei, wie besonders der Bürgermeister, falsche Versprechungen zu machen. Sie hat die Trennung von ihren Zieheltern und ihren Geschwistern nicht verwunden und ist an diesem Trauma gestorben. Sofort nach Kriegsende bemüht sich Hans Breirather, kurzfristig zum Bürgermeister ernannt, etwas von Sidonies Verbleib zu erfahren, und muss hören, dass sie mit dem letzten Zug nach Auschwitz abtransportiert wurde. Hans Breirather versucht noch Jahre danach das Schweigen zu brechen, doch bis in die 90er Jahre will sich niemand mit diesem Teil der eigenen Geschichte auseinandersetzen. Manfred übernimmt das Vermächtnis, die Erinnerung an seine Schwester wachzuhalten. Er ist neben seiner Mutter Josefa der Hauptberichterstatter der Ereignisse.

Am Ende des Buches weist Hackl auf das ganz anders verlaufene Schicksal des Roma-Mädchens Margit hin, das auch in einer Pflegefamilie in Österreich lebte, aber aufgrund der Zivilcourage des Bürgermeisters und der positiven Berichte, die die Zuständigen über dieses Kind geschrieben haben, dem Deportationsbefehl entgangen ist und den Krieg überlebt hat. Collageartig verschränkt der Autor Originalzitate aus Archivdokumenten mit Zeugenberichten und eingefügten Kurzdialogen, die jedoch gerade in ihrer Nüchternheit beeindrucken und sich so gut in die Erzählweise nach Art eines Chronisten einfügen. Lesbarkeit der Erzählung als poetischer Text wird dadurch nicht beeinträchtigt. Dann bemühte sich Manfred, das Schweigen um das Mädchen zu brechen. Eines Tages verspürte er den Drang, jemandem sein Herz auszuschütten.

Er suchte den Kaplan von Sierninghofen auf, fing an zu erzählen, der andere starrte ihn wie verstört an, wie ein Gespenst, da hab ich es gleich wieder gelassen. Der hat gar nichts gesagt, mich nur so angeschaut. Erich Hackls Werk wurde von der Kritik positiv aufgenommen und bald in viele Sprachen übersetzt. Artikel in der Bücherschau anlässlich seines 60. Erich Hackl: Abschied von Sidonie, Diogenes, Zürich 1989, ISBN 3-257-01824-X, als Taschenbuch 1991, ISBN 3-257-22428-1.